Stuttgarter Zeitung vom 12. Dezember 2008     Das Buch


Das aktuelle Lyrikbuch

Die Vielschichtigkeit wird siegen, am Ende

Von Nico Bleutge

Claudia Gablers Gedichte kennen die Welt nur in der Möglichkeitsform. Die Szenarien, die sie in ihren Texten entwirft, haben genauso viel mit Simulationen zu tun wie mit tatsächlichen «Wirklichkeitsmomenten». Fahrstühle führen hier direkt ins Internet, das Licht täuscht Meeresblick vor, und alles scheint allem ähnlich zu sein: «Die Oberflächenstruktur der Frambösie war leicht/ mit Nudelauflauf zu verwechseln.» Dabei ist sie stets auf der Suche nach einer Struktur, die über das brave Nacheinander oder das Prinzip von Ursache und Wirkung hinausgeht. Ihre frei rhythmisierten Langverse springen über das Zeilenende hinweg, bremsen unterwegs ab und nehmen wieder Fahrt auf. Mit diesen wohl gesetzten «Temperaturwechseln» gelingt es ihr, genauere Zusammenhänge sichtbar zu machen: «die komplexe Ordnung der Welt der Dinge, in der wir/ leben. Also das Chaos als subtilere, nicht wiederkehrende/ Art von Ordnung».

Biedere Kartografien finden sich nicht, vielmehr geht es Gabler um Sätze, die mit Jargons und Fachsprachen spielen und die von assoziativen Schlenkern leben. Hier ist ein poetisches Denken am Werk, das sich auf die Gegenwart mit all ihren Brüchen und Projektionen einlässt, voll Vertrauen in die eigenen Mittel: «aber ja, die Vielschichtigkeit wird schon siegen am Ende.»

Claudia Gabler: Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz. Gedichte.
Rimbaud Verlag, Aachen 2008, 64 Seiten, 15 €.

 

Bestellung via info@rimbaud.de

nach oben

schließen

www.rimbaud.de

Impressum

© 2009 Rimbaud Verlag